Mein Weg · Kapitel 1

Kapitel 1 – Zwischen Kinderwunsch und Existenzangst

Wie ich Vater wurde, obwohl ich selbst noch nicht wusste, wie es beruflich weitergehen sollte.

Von Tim Hampicke ca. 10 Minuten Lesezeit

Ich wollte Vater werden. Wirklich.

Und trotzdem war ich manchmal erleichtert, wenn der Schwangerschaftstest negativ war.

Klingt widersprüchlich? War es auch. Aber vielleicht sollte ich ein bisschen weiter vorne anfangen.

Ein Neuanfang, der anders lief als geplant

2012 zog ich nach meinem Studium in Leipzig wieder zurück nach Berlin. Das Studium war geschafft, ein Job war vorhanden und eigentlich hätte jetzt alles seinen geregelten Gang gehen können.

Eigentlich.

Ich wechselte den Arbeitgeber, nachdem ich zuvor praktisch abgeworben worden war. Eine neue berufliche Perspektive, neue Möglichkeiten. So zumindest die Vorstellung.

Drei Monate später wurde ich entlassen.

Das war natürlich nicht unbedingt der Karriereverlauf, den ich mir nach meinem Studium vorgestellt hatte.

Allerdings hatte ich schon länger mit dem Gedanken gespielt, mich selbstständig zu machen. Ich war in der Immobilienbranche tätig und wollte versuchen, auf eigenen Beinen zu stehen.

Also machte ich genau das.

Businessplan schreiben, Existenzgründung vorbereiten, Fördermöglichkeiten nutzen, organisieren, rechnen und irgendwie versuchen, aus einer Idee ein funktionierendes Unternehmen zu machen.

Auf dem Papier konnte das durchaus gut aussehen.

In der Realität sah es etwas anders aus.

Aufträge kamen nur schleppend. Mal passierte etwas, dann wieder wochenlang nichts. Und während die Ausgaben ziemlich zuverlässig jeden Monat auftauchten, hielten sich die Einnahmen nicht unbedingt an diesen Rhythmus.

Aber ich hatte mich entschieden. Jetzt wollte ich es auch durchziehen.

Und plötzlich war da jemand

Mitten in dieser ohnehin aufregenden Lebensphase lernte ich jemanden kennen.

Wir verliebten uns. Und zwar richtig.

Es dauerte nicht lange, bis sie zu mir in meine kleine Einzimmerwohnung zog.

Ja, eine Einzimmerwohnung. Für zwei Erwachsene.

Alles ging ziemlich schnell. Wenn ich heute darauf zurückblicke, war das sicherlich nicht die klassische Reihenfolge, die man in irgendeinem Ratgeber für ein geordnetes Leben finden würde.

Aber es fühlte sich richtig an. Das tut es immer noch.

Wir waren verliebt, verstanden uns gut und zogen an einem Strang. Ich bin ohnehin eher ein ruhiger Mensch. Jemand, der viel nachdenkt, Dinge abwägt und nicht wegen jeder Kleinigkeit laut wird oder einen Streit anfängt.

Und trotz der beruflichen Unsicherheiten funktionierte unser gemeinsamer Alltag.

Wenige Monate später sprachen wir dann über einen Kinderwunsch.

Nicht nur beiläufig, sondern ganz bewusst.

Wir wollten ein Kind.

Also versuchten wir es.

Wenn der Kopf etwas anderes sagt als das Herz

Ich weiß nicht, wie andere Männer in einer solchen Situation denken. Vielleicht überlege ich manchmal einfach zu viel.

Aber während wir uns ein Kind wünschten, lief in meinem Kopf eine ganz andere Rechnung.

Wie lange würde meine finanzielle Unterstützung für die Existenzgründung noch reichen?

Wann würden endlich regelmäßig Aufträge kommen?

Wie sollten wir das finanziell stemmen, wenn meine Partnerin irgendwann wegen der Schwangerschaft und der Geburt nicht mehr wie gewohnt arbeiten konnte?

Und überhaupt: Wohin mit einem Baby in einer Einzimmerwohnung?

Das waren keine theoretischen Fragen. Das waren ziemlich konkrete Probleme.

Und so kam es, dass ich mich zwar auf ein Kind freute, innerlich aber auch erleichtert war, wenn ein Schwangerschaftstest noch negativ ausfiel.

Nicht, weil ich kein Vater werden wollte.

Sondern weil jeder weitere Monat ein bisschen mehr Zeit bedeutete. Mehr Zeit, um Geld zu verdienen, die Selbstständigkeit voranzubringen und irgendwie eine vernünftige Grundlage zu schaffen.

Ich sagte mir immer wieder, dass das schon klappen würde.

Nur wusste ich eben nicht genau, wie.

Dann dauerte es tatsächlich gar nicht lange, bis der Test positiv war.

Und natürlich war ich glücklich.

Aber fast gleichzeitig fing mein Kopf wieder an zu rechnen.

Neun Monate Schwangerschaft. Wie lange kann sie noch arbeiten? Wie lange reicht das Geld? Was müssen wir wann kaufen? Und bis wann brauchen wir eine größere Wohnung?

Andere werden vielleicht sagen, ich hätte mich einfach mehr freuen sollen.

Das habe ich ja.

Ich habe mich nur eben gleichzeitig gefragt, wie ich das alles schaffen soll.

Von einem Zimmer auf vier

Meine Eltern standen immer hinter mir.

Natürlich hatten sie ihre Bedenken. Die Beziehung war noch jung, meine Selbstständigkeit gerade erst gestartet und die finanzielle Situation alles andere als abgesichert.

Dass sie bei unseren Entscheidungen nicht von Anfang an hundertprozentig begeistert waren, konnte ich durchaus verstehen.

Trotzdem halfen sie uns. Beispielsweise mit einem neuen Bett und weiteren Anschaffungen.

Und diese Unterstützung war viel wert.

Denn neben der Frage, wie wir künftig unseren Lebensunterhalt bestreiten würden, gab es noch ein sehr praktisches Problem: unsere Wohnung.

Eine Einzimmerwohnung mag für zwei frisch Verliebte funktionieren. Mit Baby wird es allerdings irgendwann ziemlich eng.

Also suchten wir etwas Größeres.

Wer in Berlin schon einmal eine bezahlbare Wohnung gesucht hat, weiß vermutlich, dass das nicht unbedingt zu den angenehmsten Freizeitbeschäftigungen gehört.

Aber wir hatten Glück.

Wir fanden eine einfache, günstige Vierzimmerwohnung. Kein Luxus, aber ausreichend Platz für das, was vor uns lag.

Allerdings klappte das erst ungefähr drei Monate vor der Geburt.

Wenigstens hatten wir damit schon einmal eine der größeren Baustellen erledigt.

Natürlich musste auch das Kinderzimmer eingerichtet werden. Aber nicht alles musste unbedingt neu gekauft werden.

Unser alter Schreibtisch beispielsweise bekam kurzerhand eine neue Aufgabe: Er wurde zum Wickeltisch umfunktioniert.

Manchmal musste man eben ein bisschen improvisieren. Schließlich gab es genug andere Dinge, für die wir Geld ausgeben mussten.

Und irgendwie passte das auch ganz gut zu unserer damaligen Situation: Nicht alles war perfekt durchgeplant, aber wir fanden für vieles eine Lösung.

Finanziell blieb die Situation trotzdem angespannt.

Mit meiner Selbstständigkeit kam inzwischen zwar etwas Geld herein, aber eben sehr unregelmäßig. Und wer selbstständig ist, sollte möglichst früh lernen, dass Umsatz nicht automatisch Gewinn ist. Und schon gar nicht bedeutet, dass man alles, was auf dem Konto landet, bedenkenlos ausgeben kann.

Irgendwann kommt schließlich auch das Finanzamt.

Solche Gedanken begleiteten mich damals ständig.

Schwangerschaft zwischen Vorfreude und Verantwortung

Natürlich bestand die Schwangerschaft nicht nur aus Rechnungen, Wohnungssuche und Zukunftsängsten.

Es gab wunderschöne Momente.

Die ersten Ultraschallbilder beispielsweise. Oder dieses unglaubliche Geräusch, wenn man zum ersten Mal den Herzschlag seines Kindes hört.

Das war fantastisch.

Und trotzdem war es irgendwie noch nicht richtig greifbar.

Man wusste, dass da ein kleiner Mensch heranwächst. Man sah die Bilder, hörte das Herz und beobachtete, wie die Geburt immer näher rückte.

Aber wirklich begreifen konnte ich es noch nicht.

Dazu kamen auch Momente, in denen wir uns Sorgen machten und ins Krankenhaus mussten, um etwas abklären zu lassen.

Solche Situationen gehören ebenfalls zur Wahrheit einer Schwangerschaft. Nicht alles ist ständig wunderschön und voller Vorfreude.

Mein Hauptaugenmerk lag während dieser Monate darauf, für uns eine möglichst solide Basis zu schaffen.

Ein Zuhause, Geld, die notwendigen Anschaffungen.

Und irgendwie das Gefühl, die Sache im Griff zu haben.

Ob ich das jemals wirklich hatte, sei dahingestellt.

Drei Wochen zu früh – und fast ein Geburtstagsgeschenk

Irgendwann war die Wohnung eingerichtet.

Kinderbett, Wickelkommode, Kinderwagen und alles, was man als werdende Eltern so braucht. Auch hier hatten uns unsere Eltern geholfen.

Man kennt zwar den errechneten Geburtstermin, aber irgendwann erreicht man den Punkt, an dem es praktisch jederzeit losgehen könnte.

Das Gefühl, jetzt sei wirklich alles erledigt und das Baby könne kommen, hatte ich allerdings nie so richtig.

Und dann ging es los.

An den genauen Ablauf kann ich mich heute nicht mehr in allen Einzelheiten erinnern. Ich weiß noch, dass wir zunächst ins Krankenhaus fuhren, aber wieder nach Hause geschickt wurden.

Zwei Tage später waren wir erneut dort.

Das Lustige an der ganzen Geschichte: Wir waren ausgerechnet an meinem Geburtstag im Krankenhaus.

Mein Sohn hätte also beinahe denselben Geburtstag bekommen wie ich.

Aber offenbar wollte er doch lieber seinen eigenen Tag haben.

Zwei Tage später kam er zur Welt.

Ungefähr drei Wochen vor dem errechneten Termin.

Irgendwann war im Krankenhaus entschieden worden, ihn per Kaiserschnitt zu holen.

Ich war dabei.

Und ich kann mich noch daran erinnern, wie surreal sich das alles angefühlt hat.

Es ging gefühlt wahnsinnig schnell.

Monatelang hatte man sich mit Schwangerschaft, Vorbereitungen und Zukunftsfragen beschäftigt.

Und plötzlich war da ein Baby.

Mein Baby.

Der Moment, in dem ich wirklich Papa wurde

Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich gewusst, dass ich Vater werde.

Aber das ist etwas anderes, als wirklich zu begreifen, dass man Vater ist.

Dieser Moment kam für mich unmittelbar nach der Geburt.

Mein Sohn wurde auf meinen Körper gelegt, unter anderem wegen der Wärme und des Körperkontakts.

Da lag er nun.

Ein kleiner Mensch, der gerade erst auf die Welt gekommen war.

Und plötzlich war mir klar, dass ich jetzt Verantwortung für ihn trug.

Nicht irgendwann. Nicht in ein paar Monaten, wenn die Selbstständigkeit vielleicht besser lief oder die finanzielle Situation entspannter wäre.

Sondern jetzt.

Viele Dinge, über die ich mir zuvor ständig Gedanken gemacht hatte, rückten in diesem Augenblick in den Hintergrund.

Meine Prioritäten hatten sich verändert.

Allerdings verliefen die ersten Tage nicht ganz so, wie man es sich vielleicht vorstellt.

Die ersten Tage als Papa – zwischen Krankenhaus und Zuhause

Mein Sohn musste auf die Neugeborenenstation, weil seine Sauerstoffsättigung noch nicht ausreichend hoch war.

Und plötzlich ging es nicht mehr um die Frage, wie ich die nächsten Monate finanzieren sollte.

Sondern darum, dass es meinem Sohn gut ging.

Ich durfte nicht über Nacht bei ihm bleiben.

Also fuhr ich abends nach Hause und morgens direkt wieder ins Krankenhaus.

Seine Mutter musste sich nach dem Kaiserschnitt erholen und konnte zunächst selbst nicht aufstehen.

Ich versuchte, so viel Zeit wie möglich bei meinem Sohn zu verbringen.

Er brauchte noch Unterstützung beim Atmen und musste schließlich auch ohne die Sauerstoffschläuche zurechtkommen.

Ich redete mit ihm, sprach ihm gut zu und versuchte, ihn zu motivieren.

Ob er meine Worte damals überhaupt wahrgenommen hat, weiß ich natürlich nicht.

Aber für mich war es wichtig, bei ihm zu sein.

Wir hofften, dass wir ihn am Wochenende mit nach Hause nehmen könnten.

Ungefähr fünf Tage verbrachte er auf der Neugeborenenstation.

Und tatsächlich: Es klappte.

Er konnte schließlich ohne die zusätzliche Sauerstoffversorgung ausreichend atmen, und wir durften ihn mit nach Hause nehmen.

Und dann waren wir plötzlich zu dritt

Natürlich war da noch eine gewisse Sorge.

Nach den ersten Tagen im Krankenhaus macht man sich Gedanken. Ob alles gut geht, ob man alles richtig macht und ob es dem Kleinen wirklich gut geht.

Aber erstaunlicherweise war der Alltag zu Hause ziemlich entspannt.

Unser Sohn war ein ruhiges Baby.

Er war eine Weile wach, bekam etwas zu essen und schlief dann wieder zwei Stunden oder auch länger.

Und schlafen konnte er praktisch überall.

Auf uns, im Kinderwagen draußen oder einfach dort, wo es gerade gemütlich war.

Er weinte wenig und machte uns den Einstieg in das Familienleben deutlich leichter, als ich es vielleicht erwartet hatte.

Da hatten wir monatelang versucht, uns auf jede Eventualität vorzubereiten, und plötzlich lag dieser kleine Mensch bei uns zu Hause und schlief seelenruhig.

Rückblickend muss ich darüber ein bisschen schmunzeln.

Ich hatte vor der Geburt versucht, möglichst alles zu planen. Die Selbstständigkeit, die Finanzen, die Wohnung, die Anschaffungen und den Zeitpunkt, zu dem möglichst alles passen sollte.

Dabei hatte ich eines noch gar nicht verstanden:

Dass sich mit einem Kind nicht automatisch alle Probleme lösen. Aber dass sich die Bedeutung vieler Probleme verändert.

Ich hatte noch immer keine Garantie auf ein regelmäßiges Einkommen. Meine Selbstständigkeit war nicht plötzlich ein voller Erfolg. Und ich hatte auch nicht auf jede Frage eine Antwort.

Aber wir waren zu Hause.

Zu dritt.

Und zum ersten Mal ging es nicht mehr nur darum, mich auf die Rolle als Vater vorzubereiten.

Ich war jetzt einer.